{"id":1214,"date":"2013-09-18T08:47:57","date_gmt":"2013-09-18T08:47:57","guid":{"rendered":"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/?p=1214"},"modified":"2015-09-18T06:27:31","modified_gmt":"2015-09-18T06:27:31","slug":"werner-sundermann-und-die-persische-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/?p=1214","title":{"rendered":"Werner Sundermann und die persische Literatur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prof. Dr. Manfred Lorenz<\/strong><\/p>\n<p>Am Freitag, dem 12. Oktober 2012 verstarb Werner Sundermann, ehe\u00admaliger Mitarbeiter und Arbeitsstellenleiter der Turfanabteilung der Ber\u00adlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Honorarpro\u00adfessor der Freien Universit\u00e4t zu Berlin. Mit ihm verlor die Iranistik einen der besten Kenner des Mitteliranischen und vor allem des Manch\u00e4ismus. Seine Leistung wurde auf einer Festveranstaltung der Akademie am 13.2.2013 in einem Vortrag seines Freundes und Kollegen Nicholas Sims-Williams gew\u00fcrdigt.\u00a0 Eine Bibliographie seiner Werke findet man in <em>Manichaica Iranica. Ausgew\u00e4hlte Schriften von Werner Sundermann,<\/em> ed. Ch. Reck, D. Weber, C .Leurin &amp; A. Panaino, Rom 2001, pp. 945-966.<!--more--><\/p>\n<p>Ich kannte Werner Sundermann als Kollegen wohl am l\u00e4ngsten. Nach\u00addem\u00a0 Professor H. F. J. Junker gemeinsam mit dem bekannten iranischen Schriftsteller Bozorg Alavi mit Eckhardt Fichtner und mir als erste Stu\u00addenten\u00a0 im Januar 1954 die Fachrichtung Iranistik an der Berliner Hum\u00adboldt-Universit\u00e4t er\u00f6ffnet hatte, stellten sie eine Gruppe von Studenten zusammen, die im September dieses Jahres das Studium aufnahm. Da\u00adrunter war Werner Sundermann. Wir wurden enge Freunde, besuchten zusammen Vorlesungen\u00a0 und arbeiteten sp\u00e4ter an gemeinsamen Projek\u00adten. Dabei ergab sich, dass Werner Sundermann\u00a0 vorwiegend\u00a0 der \u00e4lteren Iranistik zugetan war, w\u00e4hrend\u00a0 meine Neigungen mehr auf dem Gebiet der modernen iranischen Sprachen lagen.\u00a0 Aber: als Sch\u00fcler von Bozorg Alavi arbeitete sich Werner nat\u00fcrlich auch ins moderne Persisch ein. Un\u00adsere Persischkenntnisse wurden noch vertieft, als\u00a0 1955 der von uns hochgeachtete Persisch-Lektor Hossein Kheirkhah (Esfahani),\u00a0 ein aus Iran emigrierter ehemaliger Schauspieler des Teheraner Sa&#8217;di-Theaters, seine Arbeit an der Humboldt-Universit\u00e4t\u00a0 aufnahm.\u00a0 Sundermann selbst konnte also sehr gut Persisch!<\/p>\n<p>Wissen die deutschen Literaturwissenschaftler heute \u00fcberhaupt, dass wir, seitdem uns die \u00dcbersetzungen von Joseph von Hammer-Purgstall und Friedrich R\u00fcckert weniger leicht zug\u00e4nglich sind, wissen sie also, dass wir eine umfassende und doch knappe Darstellung der klassischen\u00a0 persi\u00adschen Literatur (vom 9. bis 16. Jahrhundert, also von Rudaki, Sa&#8217;di, H\u00e1fez bis zu Dsh\u00e1mi) unserem Kollegen Werner Sundermann verdan\u00adken?\u00a0 Er hat in dem Band \u201eLob der Geliebten\u201c, erschienen 1968 bei R\u00fct\u00adten &amp; Loening, Berlin (2. Auflage 1983) Beispiele der persischen Klassik herausgegeben, von ihm als Roh\u00fcbersetzung, von dem Dichter Martin Reman\u00e9 in Verse gebracht. Von besonderem Wert erscheint mir sein \u201eNachwort\u201c, in dem er nicht nur Dichter und ihre Werke vorstellt, in dem er auch die Geschichte der Deutsch-\u00dcbersetzungen persischer Klassik kurz umreisst. So hebt er die Rolle von R\u00fcckert, August von Platen-Hal\u00adlerm\u00fcnde, Graf Adolf Friedrich von Schack, Friedrich Bodenstedt und anderer hervor. Auch zur Frage der Formgestaltung\u00a0 nimmt er Stellung. Wichtig scheint mir seine Feststellung (S.226): \u201eEs bleibt immerhin eine Tatsache, dass viele Dichter Persiens, die F\u00fcrstenlob sangen, ihre bedeu\u00adtendsten zumal, ihre Kunst nicht in pflichtschuldiger Panegyrik er\u00adsch\u00f6pften, sondern auch die \u00dcberzeugung von der gottgeschaffenen\u00a0 Gleichheit aller Menschen, die Schilderung gemeinmenschlicher Gef\u00fchle und Schicksale, den Glauben an sittliche Ideale, ja bisweilen harte Kritik an den gesellschaftlichen Zust\u00e4nden ihrer Zeit auszusprechen wagten.\u201c<\/p>\n<p>Man konnte sich als Kollege immer wieder mit Fragen an Werner wen\u00adden, seine Antworten waren sachkundig und \u2013 seinem Charakter entspre\u00adchend &#8211; immer freundlich liebensw\u00fcrdig, selbstlos. \u00dcber die Grenzen Deutschlands hinaus war seine Stimme zu h\u00f6ren. F\u00fcr einen Vortrag \u201eBe\u00adgegnung zwischen Ost und West \u2013 Hafez und\u00a0 Goethe\u201c\u00a0 (Spektrum, 3\/2010)\u00a0 konnte ich mit seinem Einverst\u00e4ndnis einen Artikel benutzen, den Werner\u00a0 Sundermann\u00a0 in deutscher Sprache in Moskau ver\u00f6ffentlicht hatte, unter dem Titel \u201eHammer-Purgstalls H\u00e1fiz-\u00dcbersetzung\u00a0 und ihre Bedeutung f\u00fcr Goethes West-\u00d6stlichen Divan\u201c (in: <em>Teoreti\u010deskije problemy vosto\u010dnyx literatur, 1969).<\/em><\/p>\n<p>Als ich 1990 das B\u00e4ndchen \u201eDie Abenteuer des Prinzen Hatem (Ein ira\u00adnischer M\u00e4rchenroman)\u201c in Leipzig herausgab, beriet ich mich mit Wer\u00adner bei der Abfassung des Nachworts. Also\u00a0 findet man dort auf S. 291 meine Bemerkung: \u201eIch danke Werner Sundermann, Berlin, f\u00fcr m\u00fcndli\u00adche Hinweise zu den Ausf\u00fchrungen auf den Seiten 283 und 288. ML.\u201c Er hatte mir wertvolle\u00a0\u00a0 Bemerkungen zum Alt- und Mitteliranischen, dem Manich\u00e4ismus und dem buddhistischen Bodhisattva-Ideal vermittelt.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte man noch viele Beispiele anf\u00fchren, wo Werner Sundermanns\u00a0 Rat im Bereich der persischen Klassik hilfreich und hochgesch\u00e4tzt war.<\/p>\n<p>Doch nicht nur im Bereich der persischen Klassik hat Sundermann mit\u00adgearbeitet. Im Jahre 1984 gab der Verlag R\u00fctten und Loening, Berlin, der um die Publikation persischer Literatur hervorragend bem\u00fcht war, einen Band\u00a0 moderner persischer Prosa heraus. Es waren\u00a0 \u00dcbersetzungen ins Deutsche durch mehrere Iranistik-Kollegen von Schriftstellern wie Dshamalz\u00e1deh, Hed\u00e1jat, Tschubak, Al-e-Ahmad, Golestan, Doulat\u00e1b\u00e1di, S\u00e1&#8217;edi und mehreren anderen. Herausgeber war Bozorg Alavi, und es kostete mich wie \u00fcblich grosse M\u00fche, Agha Bozorg zu veranlassen, auch drei seiner eigenen Erz\u00e4hlungen mit aufzunehmen. Zwei \u00dcbersetzungen von Hed\u00e1jat stammen aus der\u00a0 Feder von Werner Sundermann, \u201eDer Morgen\u201c und die Erz\u00e4hlung \u201e<em>Mohallel\u201c, <\/em>die zu \u00fcbersetzen un<em>s <\/em>grosse Schwierigkeiten bereitete. <em>Mohallel <\/em>als \u201eAusl\u00f6ser\u201c\u00a0 (eine Funktion im islamischen Rechts-System) w\u00e4re unverst\u00e4ndlich gewesen. Also wurde als Titel der Geschichte eine Variante gew\u00e4hlt, die zugleich als Titel des ganzen Bandes diente. Werner Sundermanns Geschichte heisst also \u201eDie beiden Ehem\u00e4nner\u201c.<\/p>\n<p>Doch viel, viel wichtiger sind die 9 Seiten, die Werner Sundermann an den Anfang des Buches stellt: \u201eBozorg Alavi und wir\u201c. Auf diesen Seiten bringt er die Liebe und Verehrung zum Ausdruck, die wir Sch\u00fcler und Freunde unserem Agha Bozorg gegen\u00fcer f\u00fchlten. Er geht auf Einzelhei\u00adten ein, so die Verleihung der \u201eGoldmedaille des Internationalen Frie\u00addensrates\u201c, auf die Ereignisse in Iran 1953, die dazu f\u00fchrten, dass Alavi es vorzog, seinen Wohnsitz in Berlin zu w\u00e4hlen \u2013 was ja, wie gesagt, der Beginn einer beachtlichen Iranistik an der Humboldt-Universit\u00e4t war. Von Alavis Werken \u00fcber seine Heimat Iran hebt er besonders den Band \u201eDas Land der Rosen und der Nachtigallen\u201c (Kongress-Verlag, Berlin 1957) hervor und stellt zu Recht fest, eigentlich \u201everdient dieses Buch mehr Beachtung, als die Kritik ihm bisher zugebilligt hat.\u201c Mit der Ver\u00ad\u00f6ffentlichung der \u201eGeschichte und Entwicklung der modernen persischen Literatur\u201c (Berlin 1964) hat nach Sundermanns Ansicht sein Lehrer einen grossen Namen als Wissenschaftler errungen.<\/p>\n<p>Werner Sundermanns Platz in dieser Wertung charakterisiert er selbst auf Seite 8: \u201eWenn ich hier von Alavi als einem Vermittler iranischer Kultur\u00a0 berichte, so soll dies in Form pers\u00f6nlicher Erinnerung geschehen, denn ich geh\u00f6re zu seinen Sch\u00fclern seit 1954. Sein Unterricht war anspruchs\u00advoll an H\u00f6rer und Lehrer\u00a0 zugleich und so intensiv, dass Mitarbeit und Vorbereitung oft wenig Zeit f\u00fcr andere Studienf\u00e4cher liessen. Sein Unter\u00adricht vermochte aber auch die Erkenntnis zu wecken, dasss sein Fachge\u00adbiet die grossartige Geistesleistung\u00a0 eines begabten, traditionsreichen Volkes mit einer alten Kultur zum Inhalt hatte. Ich selbst war aus\u00a0 Inte\u00adresse f\u00fcr die Kultur des alten Iran zu Alavi gekommen, wurde aber im\u00admer mehr in den Bann seiner Lehrgegenst\u00e4nde gezogen und w\u00fcnschte mir am Ende meiner Studien nichts anderes als eine Arbeitsaufgabe im Bereich der neuesten persischen Literatur.\u201c<\/p>\n<p>Das\u00a0 sollte meine Aussage in diesem kleinen Artikel sein (ML).<\/p>\n<p>Alavi hat Werner Sundermann als seinen Sch\u00fcler hoch geachtet, geliebt. Im Februar 1997 war Agha Bozorg ernsthaft erkrankt. Seine Frau rief mich an. Er liege im Krankenhaus, aber morgen, das heisst am 17. Feb\u00adruar m\u00f6chte er seine Sch\u00fcler und Freunde, <strong>Werner Sundermann<\/strong> und mich, an seinem Krankenbette\u00a0 sehen. Wir hatten uns beide f\u00fcr den Vor\u00admittag verabredet. An diesem Morgen erhielten wir beide die Nachricht, dass Bozorg um 23.25 h in der Nacht verstorben ist.<\/p>\n<p>Es war zu sp\u00e4t \u2013 wie es leider zu oft zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/lorenz_alavi_sundermann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1215\" title=\"lorenz_alavi_sundermann\" src=\"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/lorenz_alavi_sundermann-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/lorenz_alavi_sundermann-300x203.jpg 300w, http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/lorenz_alavi_sundermann-150x102.jpg 150w, http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/lorenz_alavi_sundermann.jpg 689w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Von links nach Rechts: Manfred Lorenz, Bozorg Alavi, Werner Sundermann<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/2-Werner-Sundermann-und-die-persische-Literatur.pdf\" target=\"_blank\">PDF: Werner Sundermann und die persische Literatur<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Manfred Lorenz Am Freitag, dem 12. 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