{"id":1191,"date":"2013-09-17T06:47:43","date_gmt":"2013-09-17T06:47:43","guid":{"rendered":"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/?p=1191"},"modified":"2015-09-18T06:41:48","modified_gmt":"2015-09-18T06:41:48","slug":"annaherung-an-einen-rechtleitenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/?p=1191","title":{"rendered":"Ann\u00e4herung an einen Rechtleitenden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wolf D. Ahmed Aries<\/strong><\/p>\n<p>Die Dominanz des Politischen in den deutschen wie europ\u00e4ischen Dis\u00adkussionen zum und \u00fcber den Islam, hat zu einer Verschattung der Legi\u00adtimation Imam Khomeinis gef\u00fchrt, die zutiefst in der Geistesgeschichte des schiitischen Denkens fundiert ist. Das Wort \u201eImam\u201c ist keine Funk\u00adtionsbezeichnung gleich der des \u201ePr\u00e4sidenten\u201c eines Staatswesens, viel\u00admehr ist es soziologisch betrachtet, eine Zuschreibung durch Gl\u00e4ubige, die lange Jahre den Angeh\u00f6rigen der Familie des Propheten Mohammed und damit seinem Cousin Ali ibn Abi Talib vorbehalten gewesen ist.<!--more--><\/p>\n<p>So kennen die schi\u00b4itischen Gl\u00e4ubigen zw\u00f6lf Imame, deren letzter, Mu\u00adhammad al-Mahdi, in die gro\u00dfe Verborgenheit getreten ist. Diese Imame waren die geistlichen und gesellschaftlichen Leiter der Gemeinschaft, von denen die Gl\u00e4ubigen glaubten, da\u00df sie die Gemeinschaft recht leite\u00adten, denn die schiitischen Gl\u00e4ubigen gehen davon aus, da\u00df der Prophet ebenso wie die zw\u00f6lf Imame durch die Offenbarung, d.h.\u00a0 durch Qur\u00b4an und Sunna, legitimiert wurden. Wer ihnen also folgt, der handelt auf Anordnungen, d.h. auf Rechtleitung Allahs.<\/p>\n<p>Ich darf darauf aufmerksam machen, da\u00df der Begriff der \u00b4Rechtleitung\u00b4 kein christlicher ist und eher dem widerspricht, was in den kirchlichen Theologien unter der \u201eGnadenlehre\u201c verstanden wird. Die Bibel kennt das Konzept nicht; w\u00e4hrend der Qur\u00b4an an zwei Stellen von der Recht\u00adleitung spricht: zum einen in der Sure zwei ayat 38 und zum anderen in Sure 20 ayat 123.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen geht es um die Folgen des Bruches des Verbotes, nicht von den Fr\u00fcchten eines bestimmten Baumes zu essen. Auf Grund der \u00dcberschreitung verweist der Sch\u00f6pfer die Menschen des Paradieses und sagt ihnen gleichzeitig Rechtleitung f\u00fcr ihre Verweildauer auf Erden zu. In Sure zwei hei\u00dft es erg\u00e4nzend:<\/p>\n<p>\u201e\u2026. Und jene, die Meiner Rechtleitung folgen, brauchen keine Furcht zu haben, noch sollen sie bek\u00fcmmert sein; \u2026.\u201c<\/p>\n<p>In Sure zwanzig steht:<\/p>\n<p>\u201eDennoch wird ganz gewi\u00df Rechtleitung von Mir zu euch kommen: und wer Meiner Rechtleitung folgt, der wird nicht irregehen, und er wird auch nicht ungl\u00fccklich sein.\u201c<\/p>\n<p>Nun ist die Rechtleitung durch den Qur\u00b4an\u00a0 nicht auf den Text der Offen\u00adbarung selber beschr\u00e4nkt worden, sondern umfa\u00dft auch das \u201esch\u00f6ne Bei\u00adspiel\u201c des Propheten. Nach muslimischem Verst\u00e4ndnis ist damit sein reales Tun und Handeln gemeint, wof\u00fcr man am ehesten den im zwan\u00adzigsten Jahrhundert geschaffenen religionswissenschaftlichen Begriff der Orthopraxie verwendet. Allerdings geht es f\u00fcr die Muslime nicht um die im Gespr\u00e4ch der Kirchen gemeinte Werkgerechtigkeit im Sinne der neu\u00adtestamentlichen Verse von Jakobus bzw. den Theologien der christlich orthodoxen Kirchen.<\/p>\n<p>So betonen Muslime die Hermeneutik der Tat und nicht so sehr die des Wortes, wodurch der Begriff der \u00b4Rechtleitung\u00b4 seine besondere Stellung erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nach dem Tode Mohammeds und Alis fiel den Imamen die Aufgabe der Rechtleitung der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen zu; als der zw\u00f6lfte und letzte Imam in die gro\u00dfe Verborgenheit getreten war, entwickelte sich im Diskurs der Gelehrten und der schiitischen Gemeinschaft der Gedanke, da\u00df w\u00e4hrend der Abwesenheit des verborgenen Imames denen, die sich als die Qualifiziertesten erwiesen, die Aufgabe der Rechtleitung zuk\u00e4me. Dazu konnten sich die Gelehrten auf einen Hadith berufen, in dem der Imam Mahdi die Gl\u00e4ubigen angewiesen hatte in den Zeiten seiner gro\u00dfen Verborgenheit den Rechtsgelehrten zu folgen.<\/p>\n<p>So entstand unter den Gl\u00e4ubigen die Vorstellung, da\u00df sich ein jeder nach diesen \u201ebest Wissenden\u201c richten sollte, was in den Agrargesellschaften fr\u00fcherer Jahrhunderte wohl kaum ein Problem darstellte, weil die Ort\u00adschaften klein und \u00fcberschaubar waren. Man wu\u00dfte, welcher Molla sich als qualifizierter Maula, d.h., Lehrer, entwickelte. Soziologisch k\u00f6nnte man von einer sich herausbildenden Funktionselite sprechen, die ihre Legitimation nicht durch ein Examen oder Ernennung erhielt, sondern durch die Zuschreibung der Gl\u00e4ubigen ihrer Umgebung. Nur wenn ein solcher Gelehrter \u00fcber die Jahre hinweg einen \u00fcberregionalen Ruf auf\u00adbaute, schrieben ihm die Gl\u00e4ubigen zu, ein Zeichen Gottes zu sein, ein Ayatollah.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re unsinnig, n\u00e4hme man an, da\u00df diese Entwicklung ohne strittig ausgetragene Differenzen abgelaufen w\u00e4re, wesentlich ist jedoch, da\u00df mit der allgemeinen Tendenz zur Zuschreibung Autorit\u00e4t entstand, nach der sich der einzelne Gl\u00e4ubige richtete. Im Laufe der Zeit setzte sich die Vor\u00adstellung durch, da\u00df jeder Gl\u00e4ubige sich an einer solchen Autorit\u00e4t aus\u00adrichten sollte.<\/p>\n<p>Mit der Zunahme der Bev\u00f6lkerung, dem gleichzeitigen Anstieg qualifi\u00adzierter Gelehrter und der Ausdifferenzierung von Sonder- oder Spezial\u00adwissen, begann man unter den Gelehrten zu unterscheiden, was sich nicht nur darin \u00e4u\u00dferte, da\u00df es einzelnen Gelehrten gelang staatsunabh\u00e4ngige Schulen aufzubauen, die Hauza, f\u00fcr die die Gl\u00e4ubigen den ber\u00fchmten F\u00fcnften abgaben, sondern auch darin, da\u00df eine Hierarchie der Gelehr\u00adsamkeit entstand, ohne da\u00df das Prinzip der Zuschreibung in den Hinter\u00adgrund getreten w\u00e4re. Sie hing weiter davon ab, da\u00df der einzelne Gl\u00e4ubige vom Glaubensleben, den Empfehlungen und Ansichten eines Gelehrten \u00fcberzeugt wurde. Und es entwickelte sich kein Zwang den Empfehlun\u00adgen eines bestimmten Gelehrten zu folgen; hinzu kam die Auffassung, da\u00df ein Gl\u00e4ubiger sich zwar an einen Mudschtahid binden konnte, wenn dieser jedoch verstarb, er sich an einen anderen Gelehrten wenden mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Der Prozess der Ausdifferenzierung der personalen Gelehrsamkeit fand seinen Abschlu\u00df als im 19. Jahrhundert die Gestalt des Mardscha\u00b4 at-taq\u00adlid entstand, d.h. eines solchen Gelehrten, der nicht allein die Gl\u00e4ubigen seiner Region \u00fcberzeugte, sondern \u00fcber eine gro\u00dfe Zahl von Gl\u00e4ubigen wie Gelehrten Anerkennung fand. Ihm wuchs die Aufgabe der Rechtlei\u00adtung in einem solchen Umfange zu, da\u00df man von einem geistlichen F\u00fch\u00adrer sprechen konnte und kann. Verschiedene Gelehrte sahen in dem sich entwickelnden Konzept eines Mardscha at-Taqlid eine \u00dcberforderung des betroffenen Gelehrten.<\/p>\n<p>Der erste Gelehrte, Mudschtahid, dem im 19. Jahrhundert die Auszeich\u00adnung Mardscha at-taqalid zugeschrieben wurde, war Mortaza Ansari. Im Verlauf 20. Jahrhundert erwuchsen der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen acht Mardschas, von denen sieben im Iran wirkten bzw. arbeiten und einer im Irak. Da niemand eine Statistik der Mardschas f\u00fchrt, l\u00e4\u00dft sich ihre Anzahl stets nur sch\u00e4tzen. Es scheinen jedoch nicht mehr als zehn zu sein.<\/p>\n<p>Im diesem Kontext wuchs die Pers\u00f6nlichkeit Khomeinis heran, d.h. Jahre bevor er eine f\u00fchrende Rolle in der Auseinandersetzung um die Verwest\u00adlichung seines Landes erreichte, war er f\u00fcr zahlreiche schi\u00b4itische Mus\u00adlime die Gelehrtenfigur, an der sie sich orientierten. Wie tief\u00a0 er die Men\u00adschen dabei \u00fcberzeugte, zeigte eine Anfrage an Khamene\u00b4i, die dieser in seine Sammlung vom Urteilen aufnahm.<\/p>\n<p>weiter:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/spektrum.irankultur.com\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/6-Ann\u00e4herung-an-einen-Rechtleitenden_aries.pdf\" target=\"_blank\">(PDF) Ann\u00e4herung an einen Rechtleitenden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolf D. Ahmed Aries Die Dominanz des Politischen in den deutschen wie europ\u00e4ischen Dis\u00adkussionen zum und \u00fcber den Islam, hat zu einer Verschattung der Legi\u00adtimation Imam Khomeinis gef\u00fchrt, die zutiefst in der Geistesgeschichte des schiitischen Denkens fundiert ist. 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